Wohnen in der Villa?!

Bist du auch gerade neu in Marburg oder einer anderen studentischen Stadt? Und auf der Suche nach einem einigermaßen bezahlbaren Zimmer?
Wenn du dich schon ein wenig umgeschaut hast, wirst du festgestellt haben, dass das Finden eines vernünftigen Zimmers gar nicht so einfach ist. Denn Wohnraum ist besonders zu Semesterbeginn knapp und viele Vermieter nutzen dies um schäbige Zimmer zu hohen Preisen zu vermieten.

Doch wer sich umgesehen hat, dem wird aufgefallen sein, dass neben den sehr teuren Zimmern auch noch sehr günstige Zimmer an den schwarzen Brettern und im Internet angepriesen werden. 120 Euro für ein Zimmer in einer Oberstadtvilla? Klingt doch nicht schlecht, oder?
Was es damit auf sich hat, wollen wir in diesem kleinen Text erläutern und damit eindringlich vor den verlockenden Angeboten warnen.

Verbindungen, Korporationen, Burschis

Hinter den vermeintlich guten Angeboten stehen Studentenverbindungen (auch Korporationen genannt) und diese wollen mit dem günstigen Wohnraum möglichst viele Leute an ihren Verein binden. Doch was ist an Studentenverbindungen eigentlich so schlimm?

Studentenverbindungen sind geprägt durch eine starke Hierarchie: Tritt man einer Verbindung bei hat man zunächst den Status des „Fuxes“. Hat man sich diversen ritualisierten Trinkgelagen und in vielen Fällen Fechtduellen gestellt, sowie einige andere Prüfungen bestanden, besteht die Möglichkeit „richtiger“ Bursche zu werden. Dieses geht einher mit Machtgewinn über die „Füxe“, selbsterlittene Demütigungen können an die nun „Neuen“ weitergegeben werden. Nach dem abgeschlossenen Studium wird man dann „Alter Herr“, womit man über die Belange der Korporation mitentscheiden kann.

Nicht zusammen wohnen

Du wirst es vielleicht schon gemerkt haben – es geht hier fast nur um Männer. Frauen spielen im Weltbild der Korporierten zwar eine wichtige Rolle, aber niemals auf gleicher Augenhöhe. Mit nur wenigen Ausnahmen dürfen sie nicht in die Verbindungen eintreten, sondern sollen als „nettes Beiwerk“ auf Partys oder als Ehefrauen / Freundinnen auftreten, aber haben bei wichtigen Entscheidungen nicht mitzubestimmen. Dieses Geschlechterbild und Rollenverständnis tragen die Verbindungen dann auch weiter in die Gesellschaft.
Oder um die Burschen selber zu Wort kommen zu lassen: „Das hat nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun, sie sind jederzeit gerne gesehen. Nur möchten wir einfach nicht mit ihnen zusammenwohnen.“ (1)

Rechts und extrem rechts

Ein weiterer guter Grund Verbindungen zu meiden ist die politische Rechtslastigkeit, die bei einigen Verbindungen ins extrem rechte Milieu hinein reicht. Im Marburg sind da die Burschenschaften Rheinfranken, Germania, Normannia-Leipzig und Teutonia-Germania zu nennen. Diese laden regelmäßig Referent_innen aus der extrem rechten Szene ein. (Wer Näheres wissen möchte google z.B. die Namen „Hajo Herrmann“, „Horst Mahler“, „Franz Schönhuber“, alle traten in den letzen Jahren bei einer der oben genannten Verbindungen auf.) Doch auch „Alte Herren“ der oben genannten Verbindungen haben wichtige Positionen in der extrem rechten Szene, so war Jürgen Gansel, Mitglied der NPD-Fraktion in Sachsen, während seines Studiums Mitglied bei Burschenschaften in Marburg und Gießen. Björn Clemens, „Alter Herr“ der Burschenschaft Rheinfranken, ist Mitglied in der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“, welche jährlich den größten Neonaziaufmarsch Deutschlands in Dresden organisiert. Als Redner trat er dort im Jahr 2008 in Erscheinung.

Ehre, Freiheit, Vaterland

Mit der Offenheit nach rechts geht eine seltsame Betrachtung der deutschen Geschichte einher. Dabei werden die eigenen Verstrickungen in den Nationalsozialismus selten thematisiert. Meist wird behauptet, dass Studentenverbindungen im NS unterdrückt wurden. Beispielhaft hier die Marburger Landsmannschaft Nibelungia: „Da die Studentenverbindungen aus ideologischen Gründen vom NS-Regime verfolgt wurden, musste Nibelungia als letzte Marburger Korporation 1936 ihre Fahnen einholen und ihre Farben streichen.“ (2). Dass die Verbindungen – gerade in Marburg – den Nationalsozialismus schon frühzeitig unterstützten und keine Probleme damit hatten in den Strukturen der „neuen Zeit“ aufzugehen wird lieber verschwiegen. Dass die Burschenschaft Rheinfranken den 08. Mai 1945 als „Beginn eines unermesslichen Leidens für viele Millionen Menschen“(3) anstatt als Ende des deutschen Mordens darstellt, ist da nur noch die Spitze des Eisberges.

Gemeinsames und Verschiedenes

Klar ist, dass nicht alle Verbindungen über einen Kamm geschoren werden können: Nicht alle sind extrem rechts, manche haben ihren Schwerpunkt in der Konfession, andere im sportlichen oder musischen Bereich. Allen gemein ist jedoch die Hierarchie, das Geschlechterbild und die reaktionäre Gesamtausrichtung.

Manche Verbindungen distanzieren sich offiziell von den allzu rechten Auswüchsen anderer Verbindungen. Dass dies meist jedoch nur Lippenbekenntnisse sind zeigte sich spätestens am ersten Juliwochenende auf dem Marburger Marktplatz: Dort feierten alle zusammen uniformiert mit Schärpen und Mützen den sogenannten Marktfrühschoppen.

Privates Studentenwohnheim

Es ist also Vorsicht geboten bei der Zimmersuche. Zu beachten ist, dass sich die Wohnungsanzeigen unterscheiden. Manchmal ist es unter anderem an den latinisierten Namen wie Arminia, Allemania oder Germania unschwer erkennbar um wen es sich handelt. Manchmal wird das auch erstmal verschwiegen und in den Anzeigen steht z.B. nur das es sich um ein „privates Studentenwohnheim“ handele. Hellhörig sollte man werden, wenn z.B. explizit erwähnt wird, dass nur Menschen mit deutschem Pass gewollt sind, nur Katholiken oder eben keine Wehrdienstverweigerer. Im Zweifel hilft es dir beim ersten Telefonat gleich nachzufragen, ob es sich um eine Verbindung handelt. Auch wenn dann gesagt wird, dass man ja nicht gleich Mitglied werden müsse, solltest du die Finger davon lassen.

Denn auch wenn die Wohnungssituation in Marburg und anderswo schwierig ist: Etwas besseres als bei den Burschis zu wohnen findet sich bestimmt.